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Expertenstatus

 

Sich als Experte zu positionieren, scheint in diesen Tagen das Erfolgsrezept schlechthin zu sein. Überall kannst du lernen, wie du dich präsentieren musst, um als Experte wahrgenommen zu werden.

Die Kurzformel: Du schreibst ein Buch (Inhalt egal), bringst es im Self-Publishing schnell auf Amazon und bewirbst es groß und breit in den Sozialen Medien.

Easy, oder?

Wenn wir den Sarkasmus beiseitelassen sehen wir aber natürlich, dass es schon immer – und zurecht! – Experten für alle möglichen Themengebiete gab:

Der Fliesenleger wird als Profi genauso um Rat gefragt, wie der Zahnarzt, der Steuerberater oder der Tennislehrer.

Das ist gut und wichtig, denn kein Mensch kann selbst Spezialist für alle Details sein.

 

Doch hier beginnt das Schlamassel:

Wenn du dich an einen Experten wendest, liegt es in der Natur der Sache, dass ihr fachlich nicht auf Augenhöhe seid (zumindest sollte das bei einem echten Experten der Fall sein). Dein Gegenüber ist tief in der entsprechenden Materie drin, hat im Idealfall jahrelange Erfahrung und schon viele Kunden in ähnlichen Fragestellungen begleitet.

Von dieser Expertise möchtest du profitieren – deshalb suchst du die Person ja auf.

In dieser Konstellation liegt jedoch eine große Gefahr: Nämlich, dass du deine Eigenverantwortlichkeit über Bord wirfst und dem Experten blind vertraust.

Ganz offensichtlich wird das zum Problem, wenn die Person sich später als Scharlatan entpuppt und du auf ein Konstrukt von viel heißer Luft (im besten Fall) oder eine betrügerische Masche (im schlimmsten Fall) hereingefallen bist.

Der Fall, den ich allerdings viel häufiger beobachte, betrifft Experten, die auf einem bestimmten Gebiet tatsächlich eine mehr oder weniger große Expertise haben.

Besonders, wenn sie dieses Know-How überzeugend vermitteln können und darüber hinaus auch noch charmant und sympathisch sind, werden sie von vielen Menschen schnell auf den Sockel gestellt.

Viele Experten machen gar keinen Hehl daraus, dass sie der Meinung sind, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Andere stellen sich selbst gar nicht so dar, wollen gar nicht Guru sein, werden von ihren Kunden oder Followern jedoch unaufgefordert dazu gemacht.

 

Und das hat einen ganz einfachen Grund: Es ist bequem.

Wir Menschen, und ganz besonders wir Deutschen, lieben es, Lösungen präsentiert zu bekommen. Wir freuen uns, wenn uns jemand sagt, was wir tun sollen.

Klingt bescheuert, aber überprüf doch mal für dich, ob da nicht eventuell doch mehr dran sein könnte, als du im ersten Moment denkst.

Von klein auf lernen wir, dass andere es besser wissen als wir. Schon in der Schule lassen wir uns von Autoritäten sagen, was richtig und falsch ist.

Eines lernen wir jedenfalls ganz sicher nicht im deutschen Ausbildungssystem: Verantwortung zu übernehmen, Risiken einzugehen und dass es ok ist, Fehler zu machen.

So werden wir zu zahmen Lämmern herangezogen, die froh sind, wenn ihnen Entscheidungen abgenommen werden.

Du findest ich übertreibe?
Ja, das kann sein. Und vielleicht bist gerade du die löbliche Ausnahme.

Meine Beobachtung ist jedoch, dass sehr viele Menschen auch im Erwachsenenalter noch lieber andere entscheiden lassen und ein starkes Vertrauen in Autoritäten haben.

Doch diese Angewohnheit kann sich zum gefährlichen Bumerang entwickeln.

Denn erstens bist du mit solch einer Einstellung nicht Leader deines Lebens, sondern nur ein Fähnchen im Wind und lässt andere darüber bestimmen, was richtig und wichtig für dich ist. Zweitens kannst du auf diese Art und Weise nie deinen ganz eigenen Weg gehen und herausfinden, was genau für dich stimmig ist.

Deine Individualität und Kreativität bleiben auf der Strecke und nicht selten bist du frustriert, weil du mit dem Ergebnis nicht glücklich bist.

Denn was nützt es dir, wenn dein Handwerker dir zu den großen Granitfliesen rät, die aktuell mega modern sind, du aber hinterher dein Zuhause gar nicht gemütlich findest?

Und was hast du davon, wenn dein Steuerberater dir Investitionen in Immobilien empfiehlt, du aber eigentlich lieber auf Weltreise gehen möchtest und sich die Immobilienverwaltung zu einem lästigen Klotz am Bein entwickelt?

 

Daher ist es sinnvoll, genau zu wissen, welche Rolle ein Experte spielen sollte und welche nicht.

Die Aufgabe eines Experten ist es, dich an seiner Expertise Anteil nehmen zu lassen. Nicht mehr und nicht weniger.

Er sollte dir also für deine Wünsche und Ziele passende Vorschläge machen und dir die jeweiligen Vor- und Nachteile klar aufzeigen.

Er sollte dir nicht sein Standardkonzept aufschwatzen, sondern mit dir gemeinsam individuelle Lösungsmöglichkeiten erarbeiten.

Am Ende liegt die Entscheidung aber alleine bei dir.

Sei dir bewusst, dass es deine Aufgabe ist, die Verantwortung für deine Wahl zu übernehmen.

Mache dir klar, dass die ‚Lösung‘ sich für dich gut anfühlen muss – egal, was der Experte oder dein Verstand dazu sagen. Wenn du kein gutes Gefühl hast, lass es bleiben! Auch wenn dein Berater dich nicht versteht oder dein Verstand schlaue Argumente auspackt.

Es ist absolut essentiell, dass du erstens bereit bist, zu 100 Prozent in die Eigenverantwortung zu gehen und zweitens in der Lage bist, ‚nein‘ zu sagen.

 

Du darfst einen Experten niemals zu deinem Guru machen, egal um welches Thema es geht!

Jeder noch so brillante Spezialist hat begrenztes Wissen und einen begrenzten Erfahrungsschatz (selbst wenn er noch so groß ist, ist er begrenzt). Und niemand, aber auch wirklich niemand weiß, was genau für dich richtig ist!

Der Handwerker kann nicht wissen, ob seine Lieblingsfliesen einen Materialfehler haben und er vielleicht in zwei Jahren alle austauschen muss.

Der Steuerberater ahnt eventuell nicht, dass übermorgen das Gesetz geändert wird und Immobilienanlagen mit einem Mal viel weniger lukrativ sind.

Aber du kannst es wissen!

Natürlich nicht mit deinem Verstand. Aber dein Bauchgefühl hat diese Informationen, denn deine Wahrnehmung geht auch in die Zukunft.
Möglicherweise hast du also bei der Immobilienanlage ein ungutes Gefühl und lässt es bleiben, obwohl so vieles dafür spricht. Ein paar Monate oder Jahre später bekommst du dann die Erklärung dafür.

Deshalb ist es so wichtig, dass du dich fachlich gut beraten lässt, aber am Ende immer genau die Wahl triffst, die sich für dich stimmig anfühlt. Experte hin oder her.

 

Woran du einen guten Experten erkennst

Ein guter Experte sollte dir nicht fertige Fische servieren, sondern dich fischen lehren.

Das heißt, er sollte dir nicht einfach sagen, was du seiner Meinung nach tun solltest. Vielmehr möchtest du erfahren, welche Möglichkeiten es gibt und was die jeweiligen Vor- und Nachteile sind.

Eine große Expertise kommt nicht (nur) von theoretischem Wissen, sondern in erster Linie von viel praktischer Erfahrung. Du solltest also herausfinden, wie lange die entsprechende Person schon mit dem jeweiligen Thema beschäftigt ist. Frage ruhig konkret nach, denn ‚viele Jahre‘ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Sie sollte dir außerdem freimütig von ihren Fehlern erzählen, denn sie sind die besten Lehrmeister und je mehr (unterschiedliche) Fehler eine Person gemacht hat, vor umso mehr Fehlern kann sie dich rechtzeitig bewahren.

Einige Beispiele:
Eine befreundete Kollegin von mir hat kürzlich ein sehr teures Mentoring-Programm gebucht für Menschen, die auf dem Weg zum 7-stelligen Umsatz sind oder ihn bereits haben.

Die Mentoren, die dieses Angebot machen, sind zwar (am Umsatz gemessen) sehr erfolgreich, aber erst seit zwei Jahren am Markt. Sie kennen genau eine Business-Strategie – nämlich ihre eigene. Sie sind noch niemals durch eine größere Krise gegangen, denn ihr eigener Weg führte bislang steil bergauf.

Aus meiner Sicht haben sie noch lange nicht die Expertise, die es für solch ein Angebot braucht.

 

Kurz nachdem ich vor inzwischen 11 Jahren mit dem Klettern angefangen habe, wollte ich es meinem damaligen Freund nachtun (ja, ich war jung und verliebt) und machte den Trainerschein. Ich erfüllte alle Voraussetzungen dafür, denn die waren nicht besonders hoch.

Doch rückblickend betrachtet hatte ich viiiiel zu wenig Erfahrung, um ein vernünftiger Klettertrainer zu sein. Zum damaligen Zeitpunkt hatte ich viel zu wenige brenzlige Situationen miterlebt und kannte die vielen Kniffe und Tricks dieses Sports noch gar nicht.

Leider sehe ich tatsächlich auch heute immer wieder Trainer mit ihren Schützlingen, wo ich nur den Kopf schütteln kann.

Echten Expertenstatus kann man weder erzwingen noch beschleunigen. Ihn zu erreichen braucht viel Erfahrung und damit Zeit. Ein großes Ego ist in den seltensten Fällen ein guter Ratgeber bei der Positionierung als Experte.

 

Wann du in jedem Fall schreiend davon laufen solltest

Es gibt einige Merkmale, die einen möchtegern-Experten zuverlässig entlarven.

In erster Linie ist es die Sprache.

Wenn dir jemand Dinge sagt wie:
‚Das ist die einzige Möglichkeit, wie du XY erreichen kannst!‘ oder

‚Mit unserem System wirst du garantiert erfolgreich sein.‘ oder

‚Wenn du dieses Angebot nicht annimmst, bist du dumm bzw. wirst du es niemals schaffen.‘

solltest du misstrauisch werden.

Ebenso, wenn jemand Angst als Druckmittel benutzt oder die Konkurrenz schlecht macht.

All das hat ein echter Experte nicht nötig, denn er weiß, was er kann und strahlt genau das aus, ohne prahlen zu müssen.

 

Wenn eine Person dir ein ganz definiertes, starres Konzept überstülpen will, kannst du davon ausgehen, dass er/sie nichts anderes kennt. Finger weg! Ein guter Experte ist flexibel und in der Lage, auf deine individuelle Situation einzugehen.

 

Worüber du dir unbedingt klar werden solltest

Es geht aber nicht nur um die Persönlichkeit und Qualifikation des potentiellen Experten, sondern auch um dich!

Sei ehrlich zu dir selbst und finde heraus, ob du möchtest, dass es jemand für dich tut und du dich um nichts kümmern musst oder, ob du gewillt bist, dich mit der Materie zu beschäftigen und deine eigene Entscheidung zu treffen.

Jede ‚Full-Service‘ Variante wird dich mehr kosten und weniger maßgeschneidert und unter Umständen riskanter für dich sein.

Bist du bereit, die Verantwortung selbst zu übernehmen (das tust du sowieso, die Frage ist nur, ob bewusst oder unbewusst) und gegebenenfalls zu deinen Fehlern zu stehen? Oder möchtest du im Zweifelsfall die Schuld auf andere abwälzen?

Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, wie du einem Experten an den Lippen klebst und versucht bist, einfach zu tun, was dir gesagt wird, halte einen Moment inne und überprüfe die oben genannten Punkte.

Hast du Klarheit darüber, was ein Experte für dich tun kann und was nicht, hast du die besten Voraussetzungen für einen starken Sparringspartner an deiner Seite.

Und genau das möchte jeder kompetente Experte gerne für dich sein.

 

Alles Liebe,