Gastartikel Mischa

 

Männer reden nicht über ihre Gefühle. Schon gar nicht über Angst. Mischa Miltenberger ist anders. Nach jahrzehntelangem Kampf mit und gegen Angst und Depression betreibt er heute einen der beliebtesten Blogs im deutschsprachigen Raum zu diesen Themen. Zurecht: Seine Offenheit ist extrem heilsam. Für ihn selbst, aber auch für tausende von Lesern, denen er Mut macht.

Ein Mann, der mit seinem Anderssein ein mega Vorbild ist.

Deshalb habe ich ihn gebeten, meinen Blog mit seiner (männlichen) Perspektive zum Umgang mit Angst zu bereichern. Absolute Leseempfehlung! Here we go…

 

„Hätte mir bis vor drei Jahren jemand empfohlen, ich solle mal im Internet ganz offen über meine Ängste schreiben, wäre meine Antwort gewesen: „Lieber erschieße ich mich.“ Die schlimmste anzunehmende Vorstellung: Ich erzähle frank und frei über mein Seelenleben – und monatlich lesen das Tausende von Menschen auf meinem Blog. Uaah, Alptraum, mögest du bald vorbei sein!

 

Heute tue ich das. Seit fast zwei Jahren. Und aus dem Alptraum wurde ein Traum. Ein essentieller Bestandteil meiner Selbstheilung, ein extrem wichtiger Gradmesser, eine Verpflichtung und ein sehr positiver Druck, mir die Bestandteile meines Lebens in aller (manchmal sehr schmerzhaften) Ehrlichkeit anzuschauen.

 

Die vier Jahrzehnte vorher – vor allem die zwei Jahrzehnte als Erwachsener, nachdem ich meine erste Panikattacke durchlebt und durchlitten hatte – waren das genaue Gegenteil. Ein einziges Versteckspiel.

Mischa, der Meister des Tarnens und Täuschens.

Sunnyboy in (fast) jeder Lebenslage. Dabei innerlich zerfressen von Angst, Unsicherheit und Depressionen. Eine ziemlich hässliche Mischung so im Nachhinein gesehen.

 

Nichts wäre für mich schlimmer gewesen, als irgend jemandem zu erzählen, was in mir vorgeht. Wie beschissen mein Leben ist und dass ich das Gefühl habe, mich hielten tonnenschwere Eisenketten fest, die ich in 1000 Jahren nicht wegsprengen kann. Wer bitte sollte diese Ohnmacht verstehen? Und wie peinlich wäre das, Freunden und Kollegen zu erzählen, dass die Angst mein ständiger Begleiter ist und ich in regelmäßigen Abständen schwere depressive Episoden habe?

 

Also gab es nur eine Lösung: Hinter der Mauer der Angst verbarrikadieren und den Schutzwall immer noch ein bisschen höher ziehen. Gerade mal meine Frau und meine engsten Familienangehörigen wussten Bescheid. Aber eigentlich auch nur über die Symptome. Meine Krankheit hatte einen Namen. Aber ich konnte mich nicht artikulieren, was in mir vorgeht. 20 Jahre lang haben ich den alten Dreck immer und immer wieder umgerührt und habe ums Verrecken (ja, ich hatte teilweise wirklich Zweifel, ob ein Leben dieser Art noch wirklich lebenswert ist) den Ausguss nicht gefunden.

Wäre ich ein Drehbuch-Regisseur, käme jetzt das große Aha-Erlebnis.

Dieser eine, fantastische Moment, mit dem sich alles ändert. So kitschig sich das anhört: Den gab es tatsächlich. Nach meinem kompletten Zusammenbruch im April 2013 wurde mir schlagartig klar, dass ich so nicht mehr weiterleben kann und will. Dass ich nur noch eine Chance habe und die nutzen will und muss.

Also habe ich mich gegen den Rat der Ärzte entschieden, die mir weiterhin ambulante Therapie oder eine Tagesklinik vorgeschlagen haben (ich wirkte ja schon wieder so stark, so schnell konnte ich meine Rolle nicht ablegen) und habe mich in eine psychosomatische Akutklinik einweisen lassen.

Die beste Entscheidung meines Lebens!

Endlich fiel der ganze Druck ab. Ja, ich war krank und ich durfte es allen sagen. Und plötzlich war es mir sowas von egal, ob mich jemand für verrückt, gestört, schwach oder was auch immer hält. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich umgeben von Menschen, die dasselbe durchgemacht haben. Ich konnte alles rauslassen, habe gemerkt, wie befreiend es ist, Gefühle aller Art zuzulassen und offen zu zeigen.

 

Die 5 Wochen dort haben mich so geprägt, dass mir klar war: Ab jetzt wird nur noch mit offenen Karten gespielt. Nach meiner Rückkehr wollten mir manche Freunde und Bekannte eine goldene Brücke bauen und haben gesagt: „Gell, du warst wegen Burnout krankgeschrieben?“ Meine Antwort: „Nein, wegen einer Angsterkrankung und Depression.“

 

Ich fühlte mich plötzlich so frei. Diese meterhohe Mauer war weg. Ich musste mich nicht mehr verteidigen. Ich war in all meiner Schwachheit offen für Angriffe. Das Interessante: Ich wurde gar nicht angegriffen.

Alles das, was ich mir in meinen schlimmsten Phantasien ausgemalt hatte, trat nie ein.

 

Im Gegenteil. Ich hörte meine Gesprächspartner geradezu aufatmen. Endlich mal jemand, der offen drüber spricht. Gerade Männer haben meine Steilvorlage dankbar angenommen und sich mir gegenüber geöffnet. Lustigerweise dachte ich: „Das hätte ich von dem ja nie geglaubt.“ Und musste dann lachen, weil es anderen Menschen mit mir ja ganz genauso gegangen war.

 

Was passiert also, wenn ein gelernter Redakteur auf seine neue Offenheit und die Begeisterung für jegliche Themen der Persönlichkeitsentwicklung trifft? Dann startet er einen Blog und schreibt über alles, was ihn bewegt.

 

Ich wurde in den vergangenen zwei Jahren öfter gefragt, ob ich mich damit nicht angreifbar mache. Im traditionellen Sinne natürlich schon, wenn ich davon ausgehe, dass ich mich verteidigen muss. Aber ich habe bewusst die Zugbrücke heruntergelassen und es stürmen überraschenderweise fast nur Freunde herein. Okay, einige männliche Leser meines Blogs haben manchmal kleine Wasserbomben dabei, aber die machen mich nur kurz nass. Dann schüttele ich mich und lache drüber.

 

„Nackig machen“ nennt man das in Bloggerkreisen, wenn man so richtig viel von sich preisgibt. Ich weiß, dass ich in der Riege der Stripper ziemlich weit vorne mitspiele. Aber nicht, um billige Aufmerksamkeit zu erhaschen, sondern weil es mir gut tut. Der offene Umgang mit der Angst hat mein Leben komplett umgekrempelt. Ich kann gar nicht mehr anders.

 

Die Öffnung hat mein Leben extrem bereichert. Ich habe dabei Menschen wie Carolin kennenlernen dürfen. Früher hätte ich jemanden wie sie, die in so kurzer Zeit so einen klaren Blick auf mein Leben hat, nur einmal getroffen. Denn ich hätte viel zu viel Angst davor gehabt, dass sie all meine Vermeidungsstrategien durchblickt und hinter meine Fassade blickt. Heute jubiliere ich innerlich, wenn ihre unbequemen Fragen kommen, weil wieder ein Stückchen mehr Klarheit in mein Seelenleben einkehrt (auch wenn manche Wahrheiten ganz schön überraschend und schmerzlich sind).

 

Ich bin kein FKK-Fan. Aber das Nackigmachen war das beste Heilmittel für meine geschundene Seele.“

 

Mischa Miltenberger war 11 Jahre lang als Redakteur bei einer regionalen Tageszeitung angestellt, bevor er seinen Job kündigte und 2014 mit seinem VW Bus Dr. D durch Europa fuhr und die neu gewonnene Freiheit genoss. Nach seiner Rückkehr machte er sich selbstständig und arbeitet seit einem Jahr als freiberuflicher Journalist, Texter und Lektor. Er liebt das ortsunabhängige Arbeiten, seinen Blog www.adios-angst.de samt allen Ideen und Projekten, die derzeit darum entstehen, unangepasstes Verhalten, seinen Mittagsschlaf und die Freiheit, über sein Leben selbst bestimmen zu können – und das auch konsequent zu tun.

Wie findest Du Mischas Geschichte? Kannst Du was für Dich draus ziehen? Lass es uns wissen, gleich hier im Kommentarfeld!