Endometriose wird auch als „Chamäleon der Gynäkologie“ bezeichnet. Dieser Ausdruck soll deutlich machen, dass Endometriose kein einheitliches Krankheitsbild darstellt, sondern bei jeder Frau anders ausgeprägt ist. Entsprechend können auch die Symptome und Konsequenzen sehr unterschiedlich ausfallen.
In meinem Fall haben einige besondere Umstände und Fehldiagnosen dazu geführt, dass die Endo tief in mein Becken und meine Blase infiltriert hat, weshalb die Therapie besonders komplex ist.
Obwohl die Situation bei jeder Frau anders ist, möchte ich an dieser Stelle einige Erfahrungen und Erkenntnisse aus 14 Jahren mit Endometriose teilen.
Ich hätte mir gewünscht, die folgenden Aspekte schon viel früher gewusst zu haben.
Falls du eine Frau kennst, die von Endometriose betroffen ist (oder es vermutet), leite diesen Artikel gerne weiter!
Keine Angst vor OPs
Im Nachhinein ist das einer der Punkte, die ich am meisten bereue. Ich hatte so große Angst vor einer Bauch-OP, dass ich mich jahrelang mit Händen und Füßen dagegen gesträubt habe, auch nur in die Nähe der Möglichkeit einer OP zu kommen.
Und ich weiß, dass es vielen Frauen ähnlich geht.
Wenn man noch keine Bauch-OP hatte, ist diese Vorstellung erstmal gruselig und viele Frauen wollen solch einen Eingriff unbedingt vermeiden.
Ich halte das in Bezug auf Endometriose jedoch für keine gute Taktik.
Nach inzwischen fünf OPs – zwei davon mit offenem Bauchschnitt – sehe ich die Sache deutlich differenzierter.
Natürlich ist eine OP nicht angenehm und birgt diverse Risiken. Meine Erfahrung ist allerdings, dass ich mit guter Begleitung (Supplements, Homöopathie, Osteopathie etc.) selbst nach den großen OPs sehr schnell wieder auf den Beinen war.
Aktuell ist eine Laparoskopie (minimalinvasive Bauchspiegelung) der Goldstandard, um eine Endometriose sicher zu diagnostizieren. Eine zuverlässige Diagnose zu haben, ist wichtig. Es gibt jedoch noch andere Gründe, warum ich dir die Angst vor einer OP nehmen möchte:
Gerade im Anfangsstadium können Endometrioseherde heutzutage mit wirklich kleinen Eingriffen oftmals sehr gut entfernt werden. Viele Frauen sind nach solch einer Endometriosesanierung für immer oder zumindest eine ganze Weile beschwerdefrei. Vor allem, wenn die OP in einen ganzheitlichen Ansatz eingebettet ist (siehe unten).
Durch das Abtragen oberflächlicher Herde auf Nachbarorganen wie Darm, Blase, Bauch- oder Beckenwand kann die Infiltration der Endometriose in diese Gewebe verhindert werden. Und das ist das A und O!
Denn nichts ist schlimmer, als zusätzlich zu den oftmals enorm belastenden Symptomen auch noch eine Zerstörung der umliegenden Organe zu riskieren!
Natürlich gibt es auch Fälle, in denen wieder Herde nachwachsen. Deshalb ist es wichtig, sich nicht alleine auf eine operative Entfernung zu verlassen, sondern den Körper insgesamt gut aufzustellen.
Im Großen und Ganzen würde ich eher früher als später zu einer OP in einem Endometriosezentrum raten. Eine frühzeitige Endometriosesanierung kann dir in Kombination mit einer guten Gesamtstrategie sehr viel Leid ersparen.
Es braucht eine ganzheitliche Strategie
Das Wissen um die Ursachen und Einflussfaktoren der Endometriose ist immer noch sehr begrenzt. Dazu ist noch viel mehr Forschung nötig – die Gender Health Gap lässt grüßen!
Eines jedoch ist klar: Endometriose ist weit mehr als eine lokale, rein gynäkologische Erkrankung. Wir wissen inzwischen, dass unter anderem eine Fehlregulation des Immunsystems, eine Neigung zu Entzündungsprozessen, Störungen der Entgiftungsfunktion sowie Dysbiosen im Darm zur Entstehung und Ausbreitung der Endometriose beitragen können.
Wer also der Endometriose nicht hilflos ausgeliefert sein möchte, tut gut daran, den Körper insgesamt gut aufzustellen:
Anti-entzündliche Ernährung & Lifestyle
Alles, was Entzündungen im Körper fördert, ist im wahrsten Sinne des Wortes Öl aufs Feuer der Endometriose.
Deshalb sollten Zucker, Weißmehlprodukte, Alkohol, Transfette, scharf angebratenes und verarbeitetes Fleisch sowie stark Omega-6-haltige Öle wie Sonnenblumenöl gemieden werden. Das Gleiche gilt für Zigarettenrauch.
Auch Umweltgifte wie Schwermetalle, Pestizide, PFAS und Weichmacher fördern Entzündungen im Körper. Wir können uns nicht gänzlich vor diesen Substanzen schützen, sollten die Exposition aber möglichst gering halten.
Dazu beitragen können beispielsweise ein guter Wasser- sowie Luftfilter, der Verzehr von Bio-Lebensmitteln, die Nutzung von Naturkosmetik, schadstoffarmer Kleidung und Bettwäsche, schadstoffarmen Küchenutensilien und Möbeln etc.
Die Haupt-Entgiftungsorgane Leber, Nieren und Darm regelmäßig zu unterstützen, ist für Endometriose-Patientinnen besonders sinnvoll. Auch regelmäßige Saunagänge können hier eine wertvolle Unterstützung sein (für einen gesundheitlichen Nutzen mindestens zweimal pro Woche).
Ganz wichtig: Endo-Frauen neigen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur (siehe unten) häufig zu Radikalität und Dogmatismus. Beides ist in der Regel eher kontraproduktiv. ;-)
Die hier genannten Empfehlungen sollten daher die Basis im Alltag bilden. Gelegentliche Ausnahmen zugunsten von Lebensqualität und Socializing sind ausdrücklich erwünscht!
Smarte Supplement-Strategien sind essenziell
Der Körper kann Krankheiten umso effektiver in Schach halten, je besser er mit Nährstoffen versorgt ist. Für Frauen mit Endometriose gilt umso mehr: Der Körper muss satt mit allen relevanten Nährstoffen sein:
Vitamin D, Omega 3, B-Vitamine, Mineralien wie Zink, Selen, Magnesium etc.
Mit einer chronisch-entzündlichen Erkrankung wie der Endometriose sollte man bei all diesen Nährstoffen wirklich im Optimalbereich liegen (nicht in den klassischen Referenzbereichen).
Das auf Verdacht hin blind zu substituieren, macht allerdings kaum Sinn. Deshalb braucht es regelmäßige funktionelle Blutanalysen, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln.
Darüber hinaus gibt es weitere Substanzen, die sich bei Endometriose als hilfreich erweisen können wie beispielsweise NAC (N-Acetyl-Cystein), Sulforophan, Curcumin (liposomal) oder EGCG. Oder auch Ballaststoffe, die die Östrogenausscheidung unterstützen wie Beta-Glucane, Pektine oder Flohsamenschalen. Oder fibrinolytische Enzyme, die helfen, die Adhäsionen zu lösen.
Aber was genau hier Sinn macht, muss im Einzelfall abgewogen werden – das Gießkannenprinzip ist es jedenfalls nicht.
Selbstverständlich sollten auch hier nur Supplements von sehr guter Qualität zum Einsatz kommen.
Besonderer Fokus: Darm
Dysbalancen im Mikrobiom, SIBO und Leaky Gut kommen bei Frauen mit Endometriose sehr häufig vor. Es gibt erste Hinweise darauf, dass sie an der Entstehung von Endometriose mitbeteiligt sein könnten. Beispielsweise durch den Übertritt von toxischen Bakterienprodukten wie LPS aus dem Darm ins umliegende Gewebe, durch Bakterien, die die Rückresorption von Östrogen fördern oder durch erhöhtes Entzündungsgeschehen und eine Kompromittierung des Immunsystems.
Eindeutig belegt sind kausale Zusammenhänge bis jetzt allerdings nicht. Hier braucht es definitiv weitere Forschung.
Nichtsdestotrotz macht es aus meiner Sicht sehr viel Sinn, dem Darm im Rahmen einer ganzheitlichen Endometriose-Begleitung besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Zum einen sitzen ca. 70 % aller Immunzellen im Darm, zum anderen wirkt sich jede Art von latenter Entzündung im Gastrointestinaltrakt direkt auf das umliegende Gewebe aus und last but not least stellt das Mikrobiom im Idealfall auch zahlreiche protektive Faktoren wie kurzkettige Fettsäuren, Vitamine oder Serotonin her.
Wenn du also als Endometriose-Patientin mit Symptomen wie Blähungen, Durchfall, Verstopfung oder anderen Verdauungsbeschwerden zu tun hast, tu das nicht als Kleinigkeit ab. Kümmere dich vielmehr darum, deinen Darm auf Vordermann zu bringen, damit er für und nicht gegen dich arbeitet!
Die Endo-Persönlichkeit
Über die Jahre habe ich verschiedene Therapeutinnen danach gefragt, was der rote Faden im Charakter ihrer Endo-Patientinnen ist. Die Antworten waren immer sehr ähnlich:
Sehr ehrgeizig, perfektionistisch, sehr hohe Ansprüche an sich selbst, starkes Kontrollbedürfnis, immer stark sein müssen.
Auf biochemischer Ebene bedeutet das vor allen Dingen eines: Ein permanent in Dauer-Anspannung stehendes Nervensystem. Oder anders ausgedrückt: Der Parasympathikus, der für Heilung und Regeneration zuständig ist, kommt chronisch zu kurz.
Deshalb ist die Endometriose aus meiner Sicht in gewisser Weise auch Spiegel solcher ungesunden Persönlichkeitsstrukturen mit ihren dahinter liegenden Glaubenssätzen. Tools zum Stressmanagement und zur Nervensystemregulation können hier hilfreich sein.
Aber in der Tiefe geht es auch darum, sich mit sich selbst sowie den eigenen Mustern und Prägungen auseinanderzusetzen und zu hinterfragen, was einen wirklich antreibt und motiviert.
In diesem Sinne kann der Endometriose-Schmerz uns auch immer wieder daran erinnern, gut zu uns selbst zu sein, Selbstliebe und -respekt zu kultivieren und die Lebensfreude wieder aus der Schublade zu holen. ;-)
Fazit
Ich sage gerne: Endometriose bekommen nur die stärksten Frauen. Wenn man die Geschichten anderer Leidensgenossinnen hört, ist es oftmals kaum zu glauben, wie viele körperliche und seelische Schmerzen Frauen ertragen können.
Das ist Fluch und Segen gleichermaßen.
Aber eines ist sicher: Aufgeben ist keine Option. Nicht für Endo-Frauen.
Deshalb werden wir weiter für unsere Gesundheit und unsere Lebensqualität kämpfen. Dazu sollten nach meiner Meinung alle Mittel recht sein – schulmedizinische genauso wie alternative und komplementärmedizinische. Auch das war ein großes Learning für mich. ;-)
Falls du Fragen zu diesem Thema hast, schreibe mir gerne.
Herzlichst,
Carolin

