Per Gesetz werden wir mit 18 Jahren erwachsen. Nur, weil es dann so auf dem Papier steht, ist allerdings in den wenigsten Fällen die Persönlichkeit wirklich reif dafür.

Aber wann werden wir tatsächlich erwachsen?

Wenn wir einen ‚richtigen‘, vielleicht sogar gut bezahlten Job haben?

Wenn wir heiraten und/oder Kinder kriegen?

Irgendwann bist du 30, 35 oder 40 Jahre alt und solltest spätestens dann erwachsen sein.

Doch die allermeisten Menschen sind selbst mit 50 und mehr Jahren noch nicht wirklich im Erwachsenen-Ich angekommen. Mit fatalen Konsequenzen.

 

Das verdrängte Kind

Die meisten von uns denken, sie sprechen und handeln als Erwachsene/r. In Wahrheit jedoch, sitzt allzu oft das kleine, verletzte und konditionierte Kind am Steuer. Das ergibt eine schizophrene Mischung: Ein erwachsener Körper mit einer erwachsenen Stimme in einer erwachsenen Situation, aus dem aber ein kleines Kind spricht.

Genauer gesagt, ist es die kindliche Version von uns selbst. Der kleine Junge oder das kleine Mädchen, das nie bewusst vom bzw. von der Erwachsenen abgelöst wurde. Weil wir so unbewusst und ohne Übergangsritus ins Erwachsenenalter hineingerutscht sind, hat das Kind seinen Platz nie geräumt und der/die Erwachsene das Steuerrad nie bewusst übernommen.

Das hat zur Folge, dass nicht unser Erwachsenen-Ich in Beziehung ist, im Job Verhandlungen führt oder Entscheidungen trifft, sondern wir unbemerkt aus der kindlichen Energie heraus handeln.

Das merkst du zum Beispiel an folgenden Indizien:

  • Du fühlst dich klein und unterlegen
  • Du fühlst dich ungerecht behandelt
  • Du wirst emotional
  • Du versuchst vehement deinen Selbstwert zu verteidigen oder deine Selbstliebe zu zelebrieren
  • Du fühlst dich überfordert
  • Du fühlst dich verletzt
  • Du kämpfst darum, wahr- und ernst genommen zu werden
  • Du stellst dich über andere oder hältst dich für klüger oder überlegen
  • Du strengst dich an, um deinen Platz einzunehmen oder deine Position zu verteidigen.

 

Hinzu kommt, dass du ja nicht der/die Einzige bist, wo das Kind am Steuer sitzt, sondern alle um dich herum ebenfalls nicht aus dem Erwachsenen-, sondern aus dem Kind-Ich agieren.

Jetzt stell dir vor, wie es einem drei- oder fünf-jährigen Kind geht, wenn es eine gute, harmonische Beziehung führen soll, wenn es Konflikte lösen oder wichtige Entscheidungen treffen soll. Wenn es eine wichtige Präsentation halten oder ein Business aufbauen soll.

Es wird nicht nur komplett überfordert sein, es wird vor allem verzweifelt darum kämpfen, ernst genommen zu werden, gut genug zu sein und alles richtig zu machen. Ein aussichtsloses Bestreben.

Wenn du aus dieser Perspektive drauf schaust, ist es völlig offensichtlich, dass das nicht funktionieren kann. Ein Kind hat weder das Verständnis noch das Bewusstsein und die Tools für diese Aufgaben.

Doch genau diese Situation erleben wir Tag für Tag in unseren Familien, unseren Beziehungen, unseren Firmen und allen möglichen anderen Orten, wo Menschen zusammentreffen.

Mit genau diesem Effekt: Es funktioniert nicht.

Menschen greifen sich an, ziehen sich trotzig oder beleidigt zurück, stecken in ihren Emotionen fest oder brechen erschöpft zusammen.

 

Die Gründe dafür

Aus meiner Sicht gibt es vor allen Dingen zwei Ursachen für diese Bredouille:

Zum einen haben wir nicht gelernt, zwischen erwachsenen Gefühlen und alten Emotionen zu unterscheiden und zum anderen wurden wir nicht in die Erwachsenen-Energie initiiert.

Den Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen habe ich auf diesem Blog und in meinem Podcast schon sehr oft thematisiert. Daher gehe ich an dieser Stelle nicht mehr ausführlich darauf ein (falls du mehr dazu erfahren möchtest, wähle rechts aus der Schlagwortwolke den Begriff ‚Emotionen‘ aus). Kurz zusammengefasst geht es darum, dass andere Menschen in uns Emotionen hervorholen, deren eigentliche Ursache viele Jahre zurückliegt. Sie sind in unserem Körper oder Energiefeld abgespeichert und wann immer der passende Trigger im Außen auftaucht, werden sie aktiviert.

Dann ploppt die unter Umständen sehr starke Emotion in uns auf und wir beziehen sie automatisch auf den aktuellen Vorfall. Wir fühlen uns sehr im Recht und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass das, was geschehen ist, beziehungsweise die Art, wie jemand sich uns gegenüber verhalten hat, Schuld daran ist, dass wir uns so fühlen. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine alte Emotion, die gar nichts mit dem aktuellen Geschehnis zu tun hat, sondern in den allermeisten Fällen im Kindes- oder Jugendalter entstanden ist.

Wenn das der Fall ist, werden wir ganz automatisch in das Alter zurück katapultiert, in dem diese Emotion ursprünglich entstanden ist. Wirst du also im Streit getriggert, fühlst dich mit einer beruflichen Aufgabe überfordert oder auf irgendeine Art und Weise unter Druck gesetzt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass du sehr schnell und völlig unbemerkt in die kindliche Energie rutschst.

Das große Problem daran ist, dass wir es nicht merken!

Die Emotion und unser Verhalten fühlen sich so angemessen an, es fühlt sich absolut richtig an, dass wir so reagieren und im Zweifelsfall stimmt uns sogar unsere beste Freundin noch zu – weil sie selbst die gleichen Emotionen in sich trägt und unseren Schmerz daher so gut nachvollziehen kann.

Der zweite Knackpunkt besteht darin, dass wir gar nicht wissen, wie es sich anfühlt, im echten, authentischen Erwachsenen-Ich zu sein. Wir stolpern meist recht unbeholfen ins Er-wachsen-Sein hinein und erforschen es völlig auf uns alleine gestellt. In anderen Kulturkreisen, insbesondere bei vielen Naturvölkern, gibt es ausgeprägte Initiations-Riten, durch die die Jugendlichen die Transformation zum Erwachsenen unter Anleitung und Begleitung initiierter Erwachsener durchlaufen. Dabei lernen sie nicht nur, was ihre künftigen Aufgaben, Rechte und Pflichten sind. Vielmehr können sie an die Energie der Erwachsenen andocken und werden so ‚eingeweiht‘.

Uns fehlen solche Rituale leider komplett. Dementsprechend haben wir kaum Rollenmodelle für ein Leben im Erwachsenen-Ich. Wenn du dir deine Eltern anschaust bzw. dich an sie erinnerst, sofern sie schon verstorben sind, wirst du feststellen, dass auch sie oftmals aus dem Kind-Ich heraus agieren und agiert haben. Genau wie die meisten anderen Erwachsenen. Und so besteht unsere Gesellschaft über weite Teile aus Kindern in erwachsenen Körpern, die Beziehungen eingehen, Häuser bauen, Firmen leiten und eigene Kinder großziehen.

Ist es da ein Wunder, dass wir stehen, wo wir stehen? Gesellschaftlich, aber auch in persönlichen Beziehungen?

 

Was hilft?

Solange wir nicht an dem Punkt sind, wo es genügend Menschen im Erwachsenen-Ich gibt, von denen du lernen und an deren Energie du andocken kannst, kommen wir nicht umhin, uns selbst zu initiieren.

Der einfachste Weg dorthin, ist dir selbst täglich mehrfach die Fragen zu stellen:
Wie alt bin ich gerade?

Bin ich in der Energie der erwachsenen Frau bzw. des erwachsenen Mannes oder in der eines Kindes?

In der Erwachsenen-Energie zu sein, fühlt sich komplett anders an als in der des Kindes zu stecken:

  • Du bist viel ruhiger und gelassener.
  • Im Kontakt mit anderen wirst du nicht getriggert und bist nicht emotional.
  • Du bist sehr klar und souverän.
  • Du tust, was zu tun ist, anstatt Dinge auf die lange Bank zu schieben; vor allem auch deswegen, weil du nicht überfordert bist.
  • Du kannst andere so sein lassen wie sie sind und trittst gleichzeitig völlig selbstverständlich für deine Wahrheit und deine Bedürfnisse ein.
  • Du bist zentriert und präsent und niemand kann dich so leicht da rauskicken.

 

Wenn du einmal die Energie der bzw. des Erwachsenen gespürt hast, wird es leichter immer wieder dorthin zurückzukehren.

Wichtig ist auch, dass du den kindlichen Teil von dir würdigst. Wenn du merkst, dass du ins Kind gerutscht bist, gibt es einen Grund dafür. Entweder ist es reine Gewohnheit, weil du es einfach nicht anders kennst. Oder aber, ein kindlicher Anteil von dir wurde aktiviert. Diese Anteile von uns stecken zum Teil über Jahrzehnte in irgendwelchen alten Erfahrungen und den damit verbundenen Emotionen fest. Wenn sie getriggert werden, ist es dein Job, als Erwachsene/r das Steuer zu ergreifen und das Kind an die Hand zu nehmen. Nimm wahr, was dein inneres Kind* fühlt und denkt, anerkenne es und sage ihm, dass diese (alte) Situation nicht mehr real ist und du jetzt die Sache in die Hand nimmst. So kann dein inneres Kind sich in dich und deine Führung hinein entspannen.

Wenn du in einer schwierigen Situation bist, frage dich:
Was würde die erwachsene Frau bzw. der erwachsene Mann jetzt tun?

All das ist natürlich ein Prozess, der Zeit braucht. Ich persönlich glaube sogar, dass er uns wahrscheinlich unser ganzes Erwachsenen-Leben lang begleitet.

Es ist völlig normal und menschlich, immer wieder in die kindliche Energie hineinzurutschen. Mir geht es darum, ein Bewusstsein in dir zu wecken, damit du möglichst schnell erkennst, wenn genau das passiert ist. Bewusstheit gibt dir Wahlmöglichkeiten, die du nicht hast, wenn du automatisch deine abgespeicherten Überlebensstrategien ausagierst.

Sei geduldig und gleichzeitig beharrlich mit dir, es lohnt sich ;-).

Herzlichst,

 

 

 

* Ich persönlich bin übrigens kein großer Fan der klassischen Arbeit mit dem ‚Inneren Kind‚, zumindest nicht als Allheilmittel. Es mag anfangs ein guter Einstieg sein, wenn man sich noch nie mit der Thematik beschäftigt hat und überhaupt erst einmal Zugang zu diesen kindlichen Anteilen in sich bekommen möchte. Auf Dauer jedoch besteht die Gefahr, sich endlos in den alten Dramen und Traumata zu verwickeln. Im Grunde genommen geht es jedoch in erster Linie darum, anzuerkennen, welcher Schmerz und welche Erfahrungen hinter dem aktuellen Trigger liegen, diese zu würdigen und gegebenenfalls kurz zu durchfühlen. Dieser kindliche Anteil will vor allen Dingen energetisch aus der Situation herausgeholt werden und sich in die erwachsene Person hinein entspannen. Abgesehen von wirklich großen Traumata, geht dieser Prozess mit etwas Übung recht schnell.

 

 

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