Haben Emotionen recht

Donnerstag Morgen, 9.51 Uhr: Ich sitze in der Küche unseres Ferienapartments auf Teneriffa und staune. Über mich selbst und darüber, wie eindrucksvoll ich in den letzten Tagen das Prinzip „Ich gestalte meine Realität“ erlebt habe. Mein Verstand ist verwirrt. Mein Ego hat sich auf die billigen Ränge verkrochen und weiß, dass es jetzt besser die Klappe hält.

Was ist passiert?

Eine Banalität. Mit großer (Erkenntnis-)Wirkung.

Lass mich von vorne beginnen.
Teneriffa ist Plan B. Tatsächlich standen eigentlich sechs Wochen USA Roadtrip auf der Agenda, doch diese Idee hatten wir aus verschiedenen Gründen auf’s nächste Jahr vertagt. Dass wir stattdessen Silvester mit Freundin (wieder) auf Sizilien feiern können, machte die Entscheidung zum Glück nicht ganz so schwer.
Die Wochen davor wollte Carolin jedoch unbedingt Sonne & Wärme (wer schon mal im Winter auf Sizilien war weiß, dass diese beiden Genossen um diese Jahreszeit dort eher launische Gäste sind ?) – und natürlich Klettern. Die Wahl war schnell auf Teneriffa gefallen – allerdings hielt meine Begeisterung sich in Grenzen.

Schon zweimal war ich hier (zuletzt habe ich meinen Aufenthalt hier vor zwei Jahren frühzeitig abgebrochen) und bin nie wirklich „warm“ geworden mit der Insel (ich weiß, bei einigen Menschen stoße ich gerade auf viel Unverständnis – Geschmäcker sind verschieden). Für meinen Geschmack hat der Mensch dieses Fleckchen Erde zu sehr verschandelt und der klassische Teneriffa-Touri ist nun auch nicht unbedingt Inspiration pur…
Zudem hatte der Blick in den Kletterführer mich eher die Nase rümpfen lassen – „Hoffentlich ist das besser als es aussieht“, dachte ich mir.

Ist es nicht.

Und ich wurde wütend. Sehr wütend.

Auf die bekifften Vollidioten, die die Bohrhaken nicht nur dumm, sondern auch echt gefährlich gesetzt hatten (dass sie davor ein paar Tüten zuviel gezogen hatten, ist meine Interpretation, um ihnen nicht sämtlichen Menschenverstand abschreiben zu müssen). Und die noch dazu Felsen einbohren, die an Qualität größtenteils Mittelmaß, oft einfach nur grausam sind (ein Blick auf das restliche Gestein der Insel genügt dem versierten Laien, um zu erkennen, dass hier einfach alles mehr oder weniger bröselig und brüchig ist).

Oh war ich wütend. Und enttäuscht. In diesem Zustand verbrachte ich etwa die ersten drei Tage hier auf der Insel und fragte mich ernsthaft, was ich denn die restlichen 2,5 Wochen hier noch treiben sollte? (das klassische Touri-Programm von am Strand in der Sonne brutzeln, sich ins Koma shoppen, fressen oder saufen erschien ebenso wenig eine verlockende Alternative wie das Abklappern der zahlreichen Freizeitparks).

Sollte ich hier wirklich verärgert und zornig die Zeit absitzen?

(versteh‘ mich nicht falsch, ich fand’s immer noch toll, hier einfach in den Tag rein zu leben, viel Zeit mit meinem Freund zu verbringen und ohne Mütze und Handschuhe das Haus verlassen zu können, aber…)

Diese Frage lieferte die Antwort schon mit, in dem Moment, in dem sie auftauchte: No way!!! Ich sah‘ ja gar nicht ein, dass ich mir von diesen Backpfeifen den Free Flow versauen lassen würde.

Aber, wie sollte das gehen? Um hier eine richtig gute Zeit haben zu können, müsste ich ja den Ärger aufgeben. Aber der war doch sowas von berechtigt!
Ich hatte doch wirklich jedes Recht der Welt, wütend zu sein. Denn tatsächlich IST es völlig blödsinnig, dass und wie sie hier Klettergebiete erschlossen haben. Und ich war schließlich zum Klettern her gekommen.

Und ich wurde zum Zeugen eines inneren Kampfes:

Dem zwischen meinem bewussten Sein, das sich entschieden hatte, eine gute Zeit zu haben – no matter what. Und meinem Ego, das auf sein Recht haben beharrte und am liebsten weiter geschimpft hätte wie 20 Rohrspatzen auf einmal.

Diese Erkenntnis ist schmerzhaft. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern als mir vor einigen Jahren zum ersten Mal klar wurde: du kannst entweder recht haben oder glücklich sein. Beides gleichzeitig geht nicht.

Denn wenn du darauf bestehst, dass deine Emotionen berechtigt sind (und sie sind ja sooooo berechtigt!), steckst du in der Wut, der Trauer, der Enttäuschung, der Einsamkeit oder der Angst fest. Lebensfreude adé!

Aber darauf verzichten? Diese Emotionen nicht für wahr halten?
Für mich fühlte sich das lange Zeit an wie sterben.
Ich weiß, dass klingt ziemlich übertrieben – vor allem, wenn es um solche Banalitäten geht, wie in diesem Fall. Doch darunter liegt etwas viel Größeres.

Click here to subscribe

Solange du dich mit deinen Emotionen identifizierst, definierst du dich (unbewusst) über sie.

Du bist dir absolut sicher, dass sie wahr sind. Und genauso überzeugt bist du, dass du im vollen Recht bist, den anderen zu beschimpfen und zu verurteilen. Denn irgendjemand ist ja schuld daran, dass du so enttäuscht, verletzt, wütend oder traurig bist. Wenn du im Außen keinen Volltrottel findest, den du dafür verantwortlich machen kannst, bleibt dir immer noch, dich selbst zu verurteilen. Wunderbar, oder?

Erinnere dich mal an deine letzte starke Emotion von Ärger, Trauer oder Angst: Wie hätte es sich in dieser Situation angefühlt, dieser Emotion nicht länger recht zu geben?
Ein bisschen wie Sterben?

Willkommen im Club.

Für mich persönlich (und ich bin zugegebenermaßen wirklich eine besonders harte Nuss) war es sehr, sehr lange Zeit unmöglich mir selbst gegenüber einzugestehen, dass ich lieber recht hatte (also meine Emotionen für berechtigt hielt) als glücklich zu sein.

Und als ich dann endlich(!) in der Lage war, das zu sehen, war es in der konkreten Situation immer noch völlig undenkbar, zu shiften und mir die Kontrolle von meinen Emotionen zurückzuholen. Durch diese Vorstellung fühlte ich mich tatsächlich existenziell bedroht.

Denn wer sollte ich denn sein, wenn ich mich nicht mehr auf meine Emotionen verlassen konnte? Wer war ich denn, wenn ich nicht recht hatte?

Ganz ehrlich, es war ein sehr unbequemer Weg an den Punkt zu kommen, wo ich es überleben kann, meinen Emotionen die Absolution zu entziehen und eine völlig gegensätzliche Entscheidung zu treffen. Ich bin tausend Tode gestorben und sterbe immer noch und immer wieder (aber hey, die Tode werden immer kleiner!!).

Was ich dadurch bekommen habe ist allerdings von so unschätzbarem Wert, dass es kein Zurück mehr gibt. Da ist so viel mehr Frieden, Liebe, Dankbarkeit, Genuss und Freude, wenn ich nicht auf mein Recht bestehe wütend, trotzig oder gekränkt zu sein.

 

Ich hoffe sehr, sehr, sehr, dass du bei weitem kein so harter Brocken bist wie ich (ehrlich gesagt, bin ich mir da ziemlich sicher).

Aber vielleicht gibt es dennoch auch in deinem Leben ab und zu Situationen, in denen du dich im Recht fühlst, enttäuscht, nachtragend, beleidigt oder ängstlich zu sein. Und wenn du dich in den nächsten Tagen und Wochen nur ein einziges Mal bei solch einer Gelegenheit an diesen Text erinnerst und erkennst, wie du womöglich recht haben willst, dann haben wir gemeinsam schon wieder ein kleines bisschen mehr Bewusstheit in diese Welt gebracht.
Und solltest du dich eines Tages todesmutig entscheiden, das Steuerrad deines Lebens von deinen Emotionen zurückzuholen: Sei dir gewiss, du wirst das Sterben überleben! Ich weiß, wovon ich spreche ?

 

Alles ist möglich. Auch für dich.
Herzlichst,

 

P.S.: Ach so, seit ich entschieden habe, dem Ärger nicht das Zepter zu überlassen, haben wir natürlich eine gigantische Zeit hier. Ich ärgere mich immer noch hin und wieder über die bekifften Amateure – und im nächsten Moment lache ich darüber. Und genieße das Leben. Nachdem du gelesen hast, welch weiter Weg es für mich persönlich dahin war verstehst du nun vielleicht, warum das einem kleinen, großen Wunder gleich kommt ;-). Wenn ich das geschafft habe, schaffst du das allemal.

 
Click here to subscribe

Bitte erlaube alle Cookies!

Diese Seite wird ständig weiterentwickelt. Damit ich besser verstehen kann, was dich interessiert und was nicht, würde es mir helfen, wenn du alle Cookies akzeptierst. Der Schutz deiner Daten ist mir sehr wichtig!

Weitere Informationen zu den Auswirkungen deiner Auswahl findest du unter Hilfe.

Treffe eine Auswahl um fortzufahren

Deine Auswahl wurde gespeichert!

Hilfe

Hilfe

Um fortfahren zu können, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Nachfolgend erhalten Sie eine Erläuterung der verschiedenen Optionen und ihrer Bedeutung.

  • Alle Cookies zulassen:
    Jedes Cookie wie z.B. Tracking- und Analytische-Cookies.
  • Keine Cookies zulassen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, es sei denn, es handelt sich um technisch notwendige Cookies.

Du kannst deine Cookie-Einstellung jederzeit hier ändern: Datenschutzerklärung. Impressum

Zurück