Engel in Trauer„Die Zeit heilt alle Wunden“ – diesen Satz hat sicherlich jeder von uns schon mal gehört. Als gut gemeinter Trost begleitet uns dieser Spruch schon seit dem ersten Liebeskummer in der Pubertät und wird auch später immer wieder gerne angebracht, wenn wir beispielsweise einen geliebten Menschen verloren haben oder von einer anderen Person verletzt wurden.

Aber stimmt das wirklich? Kann die Zeit Wunden heilen?

Schauen wir uns doch zuerst mal an, wie Wunden eigentlich entstehen. Ausgangspunkt ist immer ein Ereignis, das in uns Traurigkeit auslöst. Zum Beispiel, wenn ein geliebter Mensch uns verlässt oder eine Person etwas tut, mit dem wir nicht einverstanden sind und uns nicht gesehen fühlen. Manchmal kommen auch noch andere Gefühle dazu, wie beispielsweise Angst, alleine zu sein oder Wut, weil wir uns ungerecht behandelt fühlen.
Es kann auch vorkommen, dass diese anderen Gefühle scheinbar überwiegen, weil es für manche Menschen leichter ist, Wut oder Angst zu fühlen als Traurigkeit. Aber die Traurigkeit ist in jedem Fall das zentrale Gefühl. Und sie ist vollkommen angemessen.

Jeder Verlust, jeder Abschied, jedes Nicht-gesehen-werden macht uns traurig.

Dieses Gefühl ist nicht nur adäquat, sondern auch absolut notwendig, um das Ereignis abzuschließen.
Was also nötig wäre, ist die Traurigkeit (und alle anderen Gefühle) zuzulassen und bewusst zu fühlen. Das ist meist ein Prozess, der über längere Zeit andauert und verbunden ist mit Tränen, Schluchzen und Rückzug. Oft kommt die Traurigkeit in Wellen, deren Abstände im Lauf der Zeit größer werden. Je nach dem, wie groß die Verletzung, also wie intensiv das ausgelöste Gefühl war, erstreckt sich dieser Prozess über mehrere Stunden oder auch Wochen und Monate.
Können wir die ausgelösten Gefühle zulassen und „ausleben“ (z.B. laut weinen), dann werden sie dadurch „vollendet“. Das heißt, sie bekommen den Raum, den sie brauchen, um geheilt zu werden. Hilfreich kann es dabei auch sein, diese Gefühle im Beisein einer anderen Person auszudrücken, die sie sozusagen „bezeugt“. Die Gefühle werden gesehen und dadurch aufgelöst.

Dies ist der natürliche und gleichzeitig effektivste Weg, um Wunden zu heilen.

Leider haben die wenigsten von uns gelernt, genau das zu tun. Und selbst, wenn wir unsere Traurigkeit zulassen, können häufig die Menschen in unserem Umfeld es nicht aushalten. Wir werden getröstet („Das wird schon wieder“), die Gefühle werden klein geredet („Ist doch halb so schlimm“) oder wir werden dazu ermuntert, doch bitte wieder gut drauf zu sein und die anderen nicht mit runter zu zeihen („Schau doch nicht so traurig“). Kommt Dir das bekannt vor?
Was also passiert ist, dass wir unsere Gefühle wegdrücken. Wir verkneifen uns die Tränen, versuchen zu funktionieren und nach vorne zu schauen. Das funktioniert zwar am Anfang eher mäßig, mit der Zeit aber immer besser. Also heilt die Zeit doch alle Wunden?

Nein. Denn die ausgelösten Gefühle sind nicht weg.

Sie schwelen vielmehr gut verpackt in unserem Körper. Häufig sind sie uns nicht mehr bewusst. Wir spüren höchstens, dass wir oft nicht gut drauf oder nah am Wasser gebaut sind und ähnliches. Aber wehe, jemand drückt den entscheidenden Knopf! Dann bricht die Traurigkeit auf einmal wieder auf und wir können nichts dagegen tun. Dann sagen wir, derjenige hätte den Finger in die Wunde gelegt oder hätte Salz in die Wunde gestreut. Und nicht selten bekommt dieser Jemand auch noch einen ordentlichen Rüffel dafür, so unsensibel zu sein. Dabei ist es unsere eigene Unsensibilität uns selbst und unseren Gefühlen gegenüber, die die Wunde über lange Zeit hin offen hält.
Wenn wir dafür sorgen, dass unsere Wunden wirklich verheilen, dann können sie nicht durch unachtsame oder unwissende Mitmenschen wieder aufgerissen werden. Wenn wir uns nicht darum kümmern, unsere Wunden heilen zu lassen, ist es auch nicht die Schuld anderer, dass sie immer wieder weh tun. Es liegt in unserer Verantwortung, mit offenen Wunden herum zu laufen oder nicht.

Was aber tun wir nun mit alten Verletzungen, von denen wir noch offene Wunden in uns tragen?

Auch hier gilt es, die damit verbundenen und „eingesperrten“ Gefühle zu vollenden. Das kann am einfachsten in einem Gefühlsprozessunter Begleitung eines erfahrenen Coaches passieren. Oft ist der schwierigste Schritt, wieder in voller Intensität an die alten Gefühle (= Emotionen) heran zu kommen. Denn wir haben über lange Zeit sehr effektive Verdrängungs- und Unterdrückungsmechanismen aufgebaut. Sind die Gefühle aber erst einmal angezapft, ist es meist mit einem einzigen oder einigen wenigen Gefühlsprozessen getan. Die alten Gefühle haben den Raum bekommen, den sie zur Heilung brauchen, wurden ausgedrückt und vollendet und die Wunde kann damit ein für alle Mal verheilen. Und nein, das ist kein Fass ohne Boden. Häufig haben wir Angst, dass zu viele alte Emotionen wieder hoch kommen und wir alte Wunden wieder aufreißen könnten, mit denen wir dann im Nachhinein nicht zurechtkommen. Diese Angst ist nachvollziehbar, denn wir haben kaum etwas über unsere Gefühle und den Umgang mit ihnen gelernt und somit macht uns die Vorstellung, starke Gefühle zu erleben Angst. Diese Angst ist aber unbegründet. Jeder einzelne von uns ist dafür gemacht, intensive Gefühle zu fühlen. Wir können es problemlos aushalten. Und in Begleitung eines Gefühlscoaches gelangen wir schnell an die Ursache des Gefühls. Wir durchleben es in einem sicheren Raum und heilen es dadurch. Nicht mehr und nicht weniger.

Wenn Du also merkst, dass andere Menschen Deine Knöpfe drücken und dadurch „unangenehme“ Emotionen in Dir auslösen, übernimm die Verantwortung dafür, Deine alten Wunden zu heilen! Und erlaube Dir, zu fühlen.

Alles Liebe, Carolin

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