Gefühleoder: Wie unsere Angst uns beim Shoppen schützt
Wir alle haben fast ausnahmslos gelernt, unsere Gefühle zu unterdrücken und zwar sehr früh. In unserer rationalen Gesellschaft ist ein Mädchen, das weint, schnell eine Heulsuse und ein Junge, der sich fürchtet, ein Angsthase. Und außerdem kennen Indianer keinen Schmerz. Und so weiter. Während wir heranwachsen, erleben wir unzählige solcher zum Teil witzig gemeinten Bemerkungen, die uns oft auf sehr subtile Weise vermitteln, dass unsere Gefühle nicht ok sind. Um in dieser Gesellschaft zurecht zu kommen, geliebt und anerkannt zu sein, werden wir mehr und mehr taub unseren eigenen Gefühlen gegenüber. Die Gefühle sind nach wie vor da, aber wir nehmen sie nicht mehr wahr. Das ist ungefähr so, als würde man mit Ohrenstöpseln im Park liegen – die Vögel zwitschern, die Kinder johlen, die Straßenmusiker trällern und wir kriegen von all dem nichts mit.

Die einzigen Gefühlsregungen, die uns bewusst werden, sind die großen Ausbrüche. Wenn der jähzornige Nachbar Schimpftiraden loslässt, ist das unsere Referenz für das Gefühl Wut. Und wenn die Freundin mit Liebeskummer in unseren Armen in Tränen versinkt, halten wir das für den Inbegriff der Traurigkeit.  Angst kennen wir nur als vollkommen lähmende, bedrohliche Panik, die uns unvorhergesehen überrollt.  Da ist es kein Wunder, dass wir uns redlich bemühen, nicht (bewusst) zu fühlen.
Doch Gefühle sind viel mehr und vor allem können sie viel mehr. Wir alle haben ständig Gefühle, immer, in jeder Situation. Und oftmals nutzen wir unsere Gefühle, ohne uns dessen bewusst zu sein.
Ach ja? – Ja!
Sobald du eine Entscheidung triffst, z.B. deinen Termin beim Zahnarzt abzusagen, nutzt du deine Wut dazu. Nicht viel, vielleicht 2-3%, ganz subtil. Aber was du dazu brauchst, ist diese Entschlossenheit, die Klarheit, die aus deiner Wut kommt.
Oder du suchst ein Rezept für’s Abendessen raus. Was dich leitet, ist die Freude bei der Vorstellung des leckeren Essens, die (Vor-)Freude auf einen tollen Abend und die Lust darauf motiviert dich, aktiv zu werden.
Bist du dir bewusst, was dich daran hindert, bei deinem Einkaufsbummel durch die Fußgängerzone in andere Menschen oder Gegenstände zu rumpeln? Du nutzt deine Angst dazu! Auch hier ist das Gefühl nur 2-3% groß, aber es ist ständig da, lässt dich aufmerksam sein und bewahrt dich vor Zusammenstößen.
Dein Kunde hat Schwierigkeiten mit dem Produkt deiner Firma und bittet dich um Rat. Dein Zuhören, deine Offenheit für sein Anliegen kommt aus dem Gefühl der Traurigkeit (und/oder der Angst, wenn du es nur tust, weil es dein Job ist…). Ein paar Prozent Traurigkeit lassen dich in Verbindung sein, Mitgefühl zeigen, Hilfe anbieten.
Alleine mit deinem Verstand kannst du das nicht begreifen, du kannst es mit deinem Körperwahrnehmen. Zum Beispiel durch Aufregung, Herzklopfen, angespannte Kiefermuskeln, geschlossene Hände, hängende Schulter, wippende Füße und vieles mehr.
Ist das nicht cool? Ist das nicht genial, wie unsere Gefühle uns jetzt schon, unbewusst, durch’s Leben navigieren? Wie wär’s, wenn du deine Gefühle noch viel öfter und viel bewusster konstruktiv für dich einsetzen könntest?
Fang an, damit zu üben, indem du dir selbst auf die Schliche kommst! Werde dir bewusst, wo du schon fühlst und wofür du deine Gefühle einsetzt.
Einige Ideen:
        Deine Wut gebrauchst du, wenn du „Ja“ oder „Nein“ sagst, Entscheidungen triffst, um etwas bittest, eine Grenze setzt (z.B. wenn du dein Zeitungsabo abbestellst, deinen Besuch bittest, die Schuhe auszuziehen, ein Versprechen gibst)
        Deine Angst lässt dich wachsam und konzentriert sein, Risiken abschätzen, Pläne machen oder Neues ausprobieren (z.B. eine unbekannte Person ansprechen, eine neue Sprache lernen, ein neues Land bereisen)
        Durch deine Traurigkeit kannst du nachdenken, anderen Menschen Raum geben, Menschen und Dinge loslassen (z.B. dein geliebtes Auto verkaufen, dich bei einer Person entschuldigen, deiner Freundin zuhören)
        Mit Hilfe deiner Freude kannst du Menschen begeistern und motivieren, großzügig sein, deine Visionen umsetzen, ausprobieren und entdecken (z.B. deine/n Partner/in für einen Kurztrip in die Berge begeistern, Dinge/Sprachen/Methoden lernen, die dich schon lange faszinieren, ein neues Kuchenrezept kreieren oder ein einzigartiges Möbelstück basteln)
Stück für Stück kannst du dich wieder mit deinen so lange unbeachteten Gefühlen verbinden und sie dir zu Nutze machen.
Denn unsere Gefühle sind sehr viel öfter feine Regungen als dramatische Ausbrüche!
Enjoy your feelings!
Carolin