Manche Leute sagen, unsere Welt sei aus den Fugen geraten. Ich weiß nicht, ob sie jemals in irgendwelchen Fugen war.

Was mir aber derzeit auffällt ist, wie paradox zumindest unsere mitteleuropäische Welt geworden ist: Einerseits tun wir alles dafür, um unseren Komfort zu maximieren. Andererseits jedoch suchen wir umso stärker die Extreme, weil uns im Wattebausch-Zentrum entweder übelst langweilig geworden ist oder wir festgestellt haben (oder es uns zumindest haben sagen lassen), dass diese Situation negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat.

Wir erfinden Rolltreppen, Fahrstühle, E-Bikes oder Elektroroller, um uns nur ja keine Anstrengung zuviel zuzumuten – und müssen dann in mehr oder weniger stickigen und hässlichen Betonbunkern aka Fitnessstudios die angesammelten Pfunde ab- oder den verkrümmten Rücken auftrainieren.

Wir geben viele, viele hundert Euro aus, um Dank neuester Winterfunktionskleidung und Sitzheizung im Auto und sogar im Skilift auf keinen Fall mehr zu frieren – und investieren dann mindestens genauso viel Geld in Wim Hof Kurse und Kältetherapie(!)-Sitzungen.

Wir lassen unsere Häuser und Wohnung mit allem erdenklichen Schnickschnack ausstatten und nachrüsten – und buchen dann Auszeiten, um so richtig primitiv in einer Andalusischen Finca oder einer Tiroler Berghütte ohne Warmwasser, mit Plumpsklos im Matratzenlager wieder zu uns zu finden.

Tatsächlich erlebe ich auch in meiner Arbeit, dass Luxus und Komfort sehr schnell zum Problem werden können: Wenn du deren Anhäufung nämlich als Ersatz für wahre Erfüllung benutzt hast, stehst du trotz all des materiellen Wohlstands ziemlich armselig da.

Richtig schwierig wird es, wenn du zulange in deiner Komfortzone gesessen bist. Denn Wachstum, Veränderung und Entwicklung finden per Definition ausnahmslos außerhalb deiner bekannten Box statt. Hast du jedoch den Box-Erweiterungsmuskel zu lange Zeit untrainiert verkümmern lassen, dann verlierst du die Fähigkeit, deine Komfortzone zu verlassen fast gänzlich.

Mit anderen Worten: Du findest permanent Gründe dafür, warum du zwar gerne würdest, aber nicht kannst. Entsprechend bleibst du genau da, wo du gerade bist.

Interessanterweise ist meine Erfahrung jedoch folgende: Fast immer musst du ZUERST deine Komfortzone verlassen, BEVOR du einen Entwicklungsschritt machen kannst. Eine Unbequemlichkeit in Kauf zu nehmen ist also unabdingbar, um Neues zu lernen und dein Bewusstsein zu erweitern.

Deshalb ist der Grad, in dem Menschen bereit sind, sich zu strecken für mich das beste Indiz dafür, wie sehr sie etwas wirklich wollen. Wenn mir jemand lapidar erklärt, er könne XY nicht tun, weil er das Geld nicht habe oder die Familie nicht alleine lassen könne, dann weiß ich, dass diese Person zwar sagt, sie will, es aber nicht wirklich so meint (und sich dessen unter Umständen selbst gar nicht bewusst ist).

Die Menschen, die aus der Arbeit mit mir am allermeisten herausgezogen haben, waren immer die, die sich ordentlich dafür stretchen mussten, um diese Zusammenarbeit überhaupt zu ermöglichen.

Die persönlichen Hürden waren dabei sehr individuell, aber unter den Häufigsten waren folgende:

  • Eigentlich nicht genug Geld, um sich den Kurs oder das Coaching leisten zu können.
  • Eigentlich andere Termine zu den angesetzten Zeiten.
  • Eigentlich niemand da, der sich in der entsprechenden Zeit um die Kinder kümmert.
  • Der Glaube, die Familie nicht so lange alleine lassen zu können.
  • Angst oder Scham, das belastende Thema überhaupt anzusprechen.
  • Angst vor Gruppen-Programmen und dem sich Zeigen in der Gruppe.
  • Angst, so weit alleine zu reisen (bei vor Ort Seminaren).
  • Bedenken, weil man sich mit Computern und Technik nicht gut auskennt (bei Online-Programmen).
  • Bedenken, weil beim Seminar kein Einzelzimmer mehr frei war oder das Essen nicht perfekt zur eigenen Diät passt.
  • Zu lange Anreise.
  • Akute Unlust.
  • Angst, dass es Stress mit dem Mann gibt, wenn man so viel Geld/Zeit in diesen Kurs investiert.

Ich drücke es mal etwas drastisch anders aus: Wenn dich die Teilnahme an einem Kurs, Coaching oder Seminar NICHT schon alleine durch die Buchung aus deiner Komfortzone kickt, lass es am besten gleich bleiben. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Shift, der dadurch möglich wird, nur relativ klein ist. Für eine grundlegende Veränderung muss in dir eine hohe Energie in Bewegung kommen. Und die baut sich nicht nur in der Session oder dem Kurs auf, sondern bereits davor. Das erlebst du manchmal als Vorfreude und nicht abwarten können, viel öfter jedoch in Form von Widerständen.

Wenn du also das nächste Mal sagst oder denkst: ‚Ich kann leider nicht teilnehmen/mitmachen, weil…‘, dann halte für einen Moment inne und frage dich, ob du wirklich willst. Oder ob du nicht in Wirklichkeit so die Hosen voll hast, dass du liebend gerne das nächst beste Argument ergreifst, das dir eine Ausrede liefert. ;-)

Radikale Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist enorm wichtig, wenn du irgendwie weiterkommen möchtest. Denn sonst feiern deine Selbstsabotage-Programme ein Fest nach dem anderen und du schaust genervt zu ;-).

Alles Liebe,