Schräge Typen

Denk‘ mal an jemanden, den Du seltsam findest. Oder nervig. Oder unzuverlässig. Oder der irgendeine andere Verhaltensweise an den Tag legt, die Dir nicht taugt.

Was tun wir mit solchen Menschen?

Genau. Wir stempeln sie ab. Prädikat „unerwünscht“.

Im besten Fall gehen wir ihnen aus dem Weg. Manchmal können wir mit unseren Urteilen aber einfach nicht hinterm Berg halten und müssen unsere Mitmenschen auf dramatisch-empörte Art und Weise über dieses Fehlverhalten in Kenntnis setzen. „Stell dir vor, der benutzt jedes Mal die Fusselbürste bevor er aus dem Haus geht! Dabei kriegt er es nicht mal auf die Reihe, das Treppenhaus zu putzen, wenn er dran ist. Und meine Emails zu beantworten, hält er offensichtlich nicht für nötig.“

Schublade auf, Mensch rein. Schublade zu. Basta.

Ist Dir was aufgefallen?

Was uns an solchen Menschen stört, ist ein bestimmtes Verhalten. Jemand benimmt sich nicht so, wie wir es für angemessen halten. Er oder sie verhält sich rücksichtslos, unhöflich, unachtsam, tölpelhaft, undurchsichtig, zwanghaft oder sonst wie daneben.
Was wir daraufhin tun, ist den Menschen in eine Schublade zu stecken. Wir betrachten ein Verhalten und urteilen infolgedessen über den ganzen Menschen. Wumm. Das sitzt.

In meiner Arbeit und meinen Ausbildungen bin ich vielen vermeintlich sehr schrägen, anstrengenden und komischen Menschen begegnet. Und sehr oft durfte ich wahre Wunder miterleben: wenn nämlich solche Menschen (genau wie ich selbst auch) durch Prozesse gegangen sind, in denen sichtbar wurde, was hinter ihrer Art oder Verhaltensweise steckt, welcher Schmerz sie dazu „gezwungen“ hat, sich diese oder jene Überlebensstrategie zurecht zu legen und an deren Ende dieses Thema gelöst wurde. Und mit einem Mal waren diese Menschen wie neu geboren. Völlig verändert. Ihr Verhalten oft schlagartig um 180° gedreht.
Und bei mir, die ich diese Prozesse begleiten durfte, passierten meist zwei Dinge: ich entwickelte ein tiefes Mitgefühl mit diesen Personen, die ich zuvor so sehr ver- und beurteilt hatte. Und ich empfand Reue, weil mir klar wurde, dass ich Menschen abgestempelt hatte, ohne die wirklichen Menschen hinter ihrem Verhalten zu erkennen.

Ich habe gelernt, dass jedes noch so schräge oder anstrengende Verhalten Teil einer Überlebensstrategie ist.

Und jede/r von uns hat im Lauf seines Lebens solche Verhaltensweisen angeeignet, um mit bestimmten Situationen zurecht zu kommen. Meist war das in der Kindheit und wir haben sie so automatisiert, dass sie jetzt im Erwachsensein völlig selbstverständlich von ganz alleine ablaufen (und uns selbst oftmals gar nicht bewusst sind).

Manche von uns haben gelernt, sich aus Angst vor Bestrafung heimlich aus dem Staub zu machen. Andere, dass sie mit Aggression und Lautstärke eher das bekommen, was sie wollen. Einige haben die Erfahrung gemacht, dass sie lügen oder manipulieren müssen, um in ihrem Umfeld bestehen zu können. Manche haben tiefe Verluste erlitten, die sie seitdem davon abhalten, sich wirklich auf andere Menschen einzulassen. Und so weiter.

Aber hinter all dieses Verhaltensweisen steckt ein Mensch. Und letztendlich haben wir alle die gleichen Grundbedürfnisse: gesehen, geachtet und geliebt zu werden.

Ich urteile immer noch sehr schnell über viele Menschen. Aber manchmal ertappe ich mich dabei und dann gelingt es mir, hinter dem anstößigen Verhalten den Menschen zu sehen. Und ihm das zu geben, was er braucht: Anerkennung und Wertschätzung seines Seins.

Wenn Du Lust auf neue Erfahrungen hast, probier’s doch mal aus. Du könntest erstaunt sein, was dann passiert. Es lohnt sich.

Alles Liebe,
Carolin

P.S.: Diese Betrachtungsweise könnte Dir auch helfen, liebevoller mit Deinen eigenen „schrägen“ Verhaltensweisen umzugehen… ;-)

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