Weg gehen

Von meinen Kundinnen und Kunden höre ich immer wieder Sätze wie „Ja, wenn ich nur nicht so ein Angsthase wäre.“ oder „Ich bin halt so ein Schisser und trau mich nicht.“. Oft sind solche Aussagen gepaart mit einer Mischung aus Neid und Bewunderung für den Mut, den sie mir zuschreiben und den Weg, den ich gegangen bin. Und praktisch immer schwingt eine ordentliche Portion Selbstkritik mit. Sie geißeln sich dafür, „feige zu sein“ und „es einfach nicht zu schaffen“. Mich macht das sehr traurig. Und auch wütend.

 

Zum einen betrifft mich das immense Ausmaß an Selbstverachtung, das wir alle in uns tragen. Als ob es eine unverzeihliche Schwäche wäre, Angst zu haben. Und andererseits berühren mich die Resignation und Hoffnungslosigkeit, denen sich diese Menschen ausgeliefert sehen.

 

Drum möchte ich an dieser Stelle mal ein bißchen aus dem Nähkästchen plaudern:

Ich zähle mich zu den größten Angsthasen auf diesem Planeten. Ja, wirklich. Ich habe vor so vielen Dingen Angst. Beruflich und privat. Da ist die Angst davor, Fehler zu machen, Angst, dass etwas nicht klappt (mein Vortrag, meine Beziehung, mein Back-Experiment), Angst vor Ablehnung, Angst davor im Dunklen alleine zu sein und so weiter. Die Liste ist endlos.

Ich habe meine sicheren Job gekündigt, total naiv eine Selbstständigkeit begonnen, die fixe Idee umgesetzt, ein Jahr mit dem VW Bus durch Europa zu ziehen, mich an einem wildfremden Ort niedergelassen, wo ich keine Menschenseele kannte und mich auch noch drauf verlassen, hier auf Anhieb als Coach & Trainerin Fuß zu fassen. Ziemlich verrückt. Jeder einzelne Schritt war von mega viel Angst begleitet. Und ich lebe noch. Ziemlich gut sogar.

 

Wie kann es also sein, dass andere Menschen mich als mutig wahrnehmen und ich selbst gleichzeitig so viel Angst fühle?

 

Der Schlüssel liegt im Umgang mit der Angst. Ich habe gelernt, dass Angst (wie jedes andere Gefühl auch) einfach eine bestimmte Form der Energie ist, die sich in meinem Körper breit macht. Und durch Übung habe ich trainiert, diese Energie einfach zu halten. Mehr ist es nicht. Angst bringt uns nicht um.

Wenn ich ok damit bin, Angst zu fühlen, dann stellt sie kein Problem mehr da. Dann kann ich einfach tun, was ich tun möchte und was getan werden muss, obwohl ich Angst habe.

 

Sehr geholfen hat mir auch die Erkenntnis, dass alles Neue, das ich ausprobiere immer von Angst begleitet wird. Manchmal von ganz wenig (wir nennen das dann etwas aufgeregt, nervös oder angespannt sein) und manchmal von mehr (Lampenfieber, Panik). Aber schlicht und ergreifend ist es einfach so, dass alles Neue uns Angst macht, weil wir nicht wissen, was passiert, nicht wissen, wie’s geht, nicht wissen, wie die anderen Menschen auf uns reagieren. Seit mir das bewusst ist, kann ich mich in die Angst rein entspannen. Was soll schon passieren, ausser, dass ich Angst habe?

 

In meinen Kursen und Vorträgen zum Thema Gefühle sage ich oft, dass ich meinen Job nicht machen könnte, wenn es für mich nicht ok wäre, Angst zu haben. Vor jedem Coaching, vor jedem Training, ja sogar vor der Veröffentlichung eines Blog-Eintrags habe ich Angst. Mal mehr und mal weniger, aber ein bißchen ist immer da. Wenn die Leute das hören, sind sie meistens ziemlich verduzt. Offensichtlich geht es nicht darum, keine Angst zu haben. Vielmehr geht es darum, seinen Weg trotz und mit der Angst zu gehen.

 

Meine hilfreichsten Tipps zum Umgang mit Angst:

  • Wahrnehmen, dass sie da ist; ihr erlauben, da zu sein; sie fühlen.
  • Die körperlichen Reaktionen wie Schwitzen, Verspannung, Übelkeit, Zittern einfach als Zeichen von Angst anzuerkennen und nicht „weg“ haben wollen.
  • Die Angst als eine Art Energiewesen wahrnehmen: Wo sitzt sie? Wie groß ist sie? Welche Farbe, Konsistenz hat sie?
  • Nicht mit der Angst identifizieren: Du hast Angst, Du bist nicht Deine Angst. Indem Du sie bebachtest, bist Du größer als sie.
  • Anerkennen, dass es total ok ist, Angst zu fühlen.

 

Weil ich selbst erfahren hab, wie wertvoll es ist, sich mit der eigenen Angst sicher zu fühlen, ist es mir ein großes Anliegen, diese Fähigkeit an meine Kundinnen und Kunden weiterzugeben.

Gesteh Dir zu, Angst zu haben und schließ Frieden mit der Angst. Dann kannst auch Du als Angsthase Deinen Weg gehen. Es lohnt sich.

 

Alles Liebe,

Deine Carolin
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