Aufräumen

Fragst Du Dich manchmal, warum Du am laufenden Band eine persönliche Herausforderung nach der anderen vor den Latz geknallt kriegst? Oder warum Du scheinbar immer die härtesten Brocken abkriegst?
Ich kann Dich beruhigen – Du bist nicht allein. Es sieht so aus, als ob wir grad dran wären mit Aufräumen.

Jahrhunderte lang ging es für unserer Vorfahren ums blanke Überleben. Für Gefühle, Wünsche oder Bedürfnisse war da kein Platz. Die Generation meiner Großeltern traf es dann besonders hart: Kriege und Trümmerhaufen, zahlreiche Tode. Für alle Überlebenden hieß es durchhalten, wieder aufbauen und verdrängen. Eine komplette Generation traumatisiert und kein Raum zum Aufarbeiten. Sie und die zahlreichen Flüchtlinge brachten Kinder zur Welt, die zwar ein Dach über dem Kopf hatten, aber größtenteils noch in recht armen Verhältnissen aufwuchsen. Auch für die Generation meiner Eltern hatte Arbeiten und Geld verdienen, „es zu etwas bringen“, den höchsten Stellenwert.

Und jetzt wir.

Wir müssen kaum mehr fürchten zu verhungern, wir haben andere Probleme. Hin und her gerissen zwischen den Werten der Eltern – einen guten Job haben, sich sehen lassen können – und den vehement anklopfenden Sehnsüchten nach Selbstverwirklichung, schlagen wir uns durch’s Leben. Vermeintliche Luxusprobleme, die wir da haben.

Und doch beutelt’s uns oft ganz schön. Die alten Strukturen funktionieren nämlich für immer weniger von uns und wer das nicht freiwillig wahr haben will, dem hilft das Burnout auf die Sprünge. Die Selbstverwirklichung gibt’s aber auch nicht einfach per Abholschein. Existenzängste, Selbstzweifel und schlechtes Gewissen gilt es auf dem Weg dorthin zu überwinden.
Als ob das noch nicht genug wäre, verderben einem auch noch alle möglichen Altlasten den Spaß. Da kommen Themen und Emotionen wieder hoch, die wir doch längst in der Kindheit gelassen geglaubt hatten. Und nicht nur das. Manchmal können wir gar nicht genau greifen, was uns da umtreibt und was dahinter steckt.

Die Erklärung für diesen Spuk ist einfach: da wir zum ersten Mal seit Jahrhunderten nicht mehr ausschließlich mit dem Überleben beschäftigt sind, machen sich jetzt unsere Gefühle und all die lange verdrängten Emotionen wieder bemerkbar. Und es führt kein Weg drum rum, sie ernst zu nehmen und sich damit zu beschäftigen. Es sind beileibe nicht nur unsere eigenen Themen, die jetzt hoch kommen. Wir fühlen sozusagen für all die früheren Generationen mit. Kollektives Bewusstsein nennt man das „Feld“, in dem alle „unvollendeten“ Emotionen der Vergangenheit gespeichert sind. Und dieses Feld ist ganz schön in Aufruhr.

Alles, was wir jetzt anschauen und auflösen, heilen wir sozusagen für alle anderen Männer und Frauen mit.

Sogar rückwirkend. So schmerzhaft und anstrengend das manchmal auch ist – dieser Prozess bringt ein riesiges Geschenk mit sich: Freiheit. Wir machen uns frei von all den Verstrickungen, unbewussten Programmen und Schuldzuweisungen, die wir schon Jahrzehnte lang mit uns herum tragen. Welch eine Erleichterung!

Halte durch. Es lohnt sich.

Alles Liebe,
Carolin

 

Mehr über den konstruktiven Umgang mit Gefühlen und Emotionen erfährst Du im kostenlosen virtuellen Möglichkeiten Café am Mittwoch:

VMC Juni2015