Rechthaberei loswerden

Die Erkenntnis, ein Rechthaber, Besserwisser oder Klugscheißer zu sein und immer das letzte Wort haben zu müssen, gehört zu einer der unangenehmsten auf dem Weg deiner Persönlichkeitsentwicklung.

Aus verschiedenen Gründen:

Es ist sehr schwer, dieses Muster im Alltag bei sich selbst zu erkennen. Viel schwieriger als das bei anderen limitierenden oder destruktiven Denk- und Verhaltensweisen der Fall ist.

Deshalb bist du auf das Feedback anderer Menschen angewiesen. Da beginnt jedoch gleich das nächste Problem: Rechthaber fühlen sich sehr schnell angegriffen. Deshalb prallt solch eine Rückmeldung meist an deinem undurchdringlichen Schutzpanzer ab. Zurück bleiben Frust auf Seiten des Feedback-Gebers und bei dir selbst das Gefühl, sehr zu unrecht attackiert worden zu sein.

Der Automatismus der Rechthaberei ist oftmals extrem stark und in deinem Unterbewusstsein mit dem Kampf ums nackte Überleben verknüpft. Deshalb kann schon alleine die Vorstellung, über deinen Schatten zu springen, sich wie eine absolut existenzielle Bedrohung anfühlen.

Da Rechthaberei in Beziehungen oft zu großen Spannungen führt, kann es sich für dich so anfühlen, als ob du dich zwischen dir selbst (‚mir selbst treu bleiben‘, ‚zu meiner Wahrheit stehen‘) und der Beziehung entscheiden musst.

Meiner Erfahrung nach, sind es vor allen Dingen Konflikte in der Partnerschaft, die so einen großen Leidensdruck erzeugen, dass Menschen dann doch irgendwann bereit sind, sich diesem Thema zu stellen. Falls dieser Punkt jetzt bei dir erreicht ist, möchte ich dir gerne mit diesem Artikel Möglichkeiten und Auswege aufzeigen.

Ich spreche aus eigener Erfahrung. Denn recht haben und es besser wissen wollen, sind sehr starke Schattenaspekte meiner Persönlichkeit.

Deshalb weiß ich, wie es sich anfühlt, mit diesem Charakterzug konfrontiert zu werden. Sich zu unrecht angegriffen und falsch gemacht zu fühlen. Ich kenne aber auch die Verzweiflung und Hilflosigkeit, die aufkommen, wenn dein Partner oder Freunde dir sagen, dass deine Rechthaberei die Beziehung zerstört.

Also lass es uns angehen.

Zunächst schauen wir uns an, wie Rechthaberei sich konkret im Alltag äußert. Dann werfen wir einen Blick auf die Ursachen und Hintergründe dieses Verhaltens und zum Schluss zeige ich dir Möglichkeiten auf, diesen Teufelskreis zu unterbrechen.

 

Ausprägungen des Rechthabens

Das Muster der Rechthaberei ist, wie gesagt, eines der stärksten unseres Egos und entsprechend tut unser Unterbewusstsein alles dafür, es vor uns selbst zu verstecken. Mit anderen Worten: Je stärker dieser Mechanismus bei dir ausgeprägt ist, umso schwerer ist er für dich selbst zu sehen.

Deshalb stelle ich dir im Folgenden einige Möglichkeiten vor, wie dieser Persönlichkeitszug sich in deinem Verhalten bemerkbar machen kann.

Behalte im Hinterkopf, dass diese Mechanismen nicht in all deinen Beziehungen gleichermaßen ausgeprägt sind. In der Partnerschaft treten sie meiner Erfahrung nach am häufigsten auf. Darüber hinaus gibt es meist Menschen, die deine Rechthaberei mehr triggern als andere.

Nein, …

Waschechte Rechthaber beginnen ihre Sätze in Dialogen oft mit dem Wort ‚Nein‘, gefolgt von einer Erklärung, wie es wirklich ist. Stellt dir jemand eine Frage oder konfrontiert dich mit einer Aussage, erwiderst du automatisch: ‚Nein, es ist so und so…‘.

Es ist, als ob die einfache Antwort oder Zustimmung ‚Ja‘ – ohne weitere Erklärungen – in deinem Universum kaum existiert.

Oftmals stellen sich deine Ausführungen gar nicht als grundlegender Widerspruch zum zuvor Gesagten heraus, du formulierst die Dinge nur einfach etwas anders und legst Wert auf bestimmte Details. Es scheint dir sehr wichtig zu sein, Zusammenhänge in deinen eigenen Worten zu erklären, selbst wenn eigentlich bereits alles gesagt wurde.

Rechtfertigung is King!

Als Rechthaber bist du ständig damit beschäftigt, dich selbst und dein Verhalten zu rechtfertigen. Du kannst Aussagen, die dich betreffen nicht einfach so stehen lassen. Allzu oft fühlst du dich oder dein Benehmen unzutreffend beschrieben und hast das Gefühl, Dinge zurechtrücken zu müssen.

Angriffe und Kritik

Du fühlst dich sehr schnell angegriffen. Jegliches Feedback oder einfach Feststellungen empfindest du automatisch als Kritik an dir. Sofort beginnst du, dich zu verteidigen – oftmals in einem recht scharfen Ton.

Wenn du damit nicht weiterkommst, ziehst du dich in eine Art energetischen Kokon zurück und machst dich unnahbar.

Auf Dauer entsteht dadurch bei dir der Eindruck, alles falsch zu machen bzw. es dem anderen nicht recht machen zu können.

Das letzte Wort

Oftmals kannst du einen Dialog erst dann beenden, wenn du das letzte Wort hattest. Dabei wiederholst du manchmal nur, was zuvor bereits gesagt wurde. Aber um das Thema wirklich abschließen zu können, ist es sehr wichtig, dass du den Schlusspunkt setzt und nicht der andere.

Recht haben

Zu guter Letzt darf natürlich auch das klassische Beharren auf deiner Sichtweise nicht fehlen. Oft geht es dabei um Fakten, an die du dich zu erinnern glaubst. Etwas, das du gelesen oder gehört hast, eine Erinnerung an ein Gespräch oder eine Situation. Dabei bist du dir ganz sicher, dass es so ist bzw. war, wie du sagst. Deine Erinnerung fühlt sich absolut wahr an, nicht der Hauch eines Zweifels schleicht sich ein.

 

Wenn du möchtest, kannst du an diese Stelle kurz innehalten und reflektieren, ob dir diese Verhaltensweisen irgendwie bekannt vorkommen.

Meist fallen sie uns leichter bei anderen auf als an uns selbst, aber auch das kann hilfreich sein (siehe unten).

 

Warum Menschen recht haben wollen

Die meisten Menschen zeigen die oben genannten Verhaltensweisen an der ein oder anderen Stelle. Bei einigen jedoch sind sie sehr stark ausgeprägt und entsprechend dominant.

Warum ist das so?

Auf sein Rechthaben zu bestehen, ist eine Form des Unterbewusstseins, ein Gefühl von Sicherheit zu erzeugen.

Wenn ich recht habe, weil ich mich richtig erinnere oder eine Situation richtig einschätze, hat das etwas Verlässliches. Es gibt Halt und Struktur.

Energetisch gesehen halten Rechthaber sich also an ihrer Überzeugung, ihrer Sichtweise fest.

Viele Menschen, die mit typischen Rechthabern in einer engen Beziehung stehen und somit häufig mit diesem Wesenszug konfrontiert werden, empfinden das als sehr anstrengend. Sie wünschen sich, die Person würde einfach mal zugeben, sich möglicherweise geirrt zu habenno big deal -, die Dinge einfach mal entspannter sehen und nicht so hartnäckig auf irgendwelchen Nichtigkeiten beharren.

Doch genau das, das Loslassen und das Aufgeben der eigenen Überzeugtheit, empfinden Rechthaber als extrem bedrohlich. Sie halten sich so sehr an ihrer Wahrheit fest, dass jedes Rütteln und Zupfen daran einen existenziellen Panikmodus aktiviert.

In Erwägung zu ziehen, dass man sich womöglich geirrt hat, kann sich anfühlen, als ob es einem den Boden unter den Füßen wegzieht.

Es hat was von: ‚Ich kann mich auf nichts in dieser Welt verlassen, außer auf mich selbst.‘ Das Rechthaben ist an das Vertrauen in sich selbst geknüpft. Würde man das aufgeben, würde man die letzte Bastion der Sicherheit aufgeben.

Die Ursachen dieses Festklammerns an der vermeintlichen Wahrheit sind vielschichtig. Meiner Erfahrung nach spielen Bindungstraumata eine große Rolle: Wenn materielle und/oder emotionale Sicherheit und Geborgenheit im Außen fehlen, versuchen wir dieses Gefühl von Sicherheit andernorts zu finden.

Egal, ob du dich selbst zu der Fraktion der Rechthaber zählst, oder du in Beziehung mit solch einem Exemplar bist: Es ist entscheidend zu verstehen, dass dieses Verhaltensmuster ein Kampf um (scheinbare) Sicherheit ist.

Deshalb kann eine solche Person nicht einfach das tun, was für viele andere Menschen völlig problemlos ist: Zugeben oder zumindest in Betracht ziehen, dass man nicht recht hat.

Es fühlt sich an, als ob man auf der Stelle sterben müsste.

Jetzt wendest du vielleicht ein: ‚Ja natürlich, einen Irrtum einzugestehen, fällt niemandem leicht. Das ist immer ein Tod fürs eigene Ego, da muss man halt durch.‘

Und damit hast du recht!

Nur ist die persönliche Wahrnehmung dessen eben sehr unterschiedlich und hängt davon ab, wie sehr man das Rechthaben für sein Gefühl von Sicherheit im Leben braucht.

Jemand, der mehr Halt und Stabilität aus anderen Ressourcen zieht, tut sich sehr viel leichter, über seinen eigenen Schatten zu springen als jemand, der das Gefühl von ‚alles ist gut‘ zu einem großen Teil aus dem richtig Liegen seines Verstandes zieht.

 

Den Automatismus der Rechthaberei überwinden

Um es vorwegzunehmen: Dieses Muster aufzulösen braucht Geduld und Mitgefühl mit dir selbst.

Wenn du verstanden hast, dass die Rechthaberei ein Ersatz für ein essenzielles Grundbedürfnis – das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit ist – das ansonsten nicht gestillt wird, dann ist auch klar, dass der Entzug von dieser Droge Zeit und den Aufbau neuen Vertrauens braucht.

Ich möchte dir an dieser Stelle einige Möglichkeiten vorstellen, wie du diesen Prozess unterstützen kannst:

Bemerke dein Rechthaben

Beobachte dich selbst, wo du in deinem Alltag Verhaltensweisen des Rechthabens an den Tag legst wie oben geschildert. Dabei geht es in erster Linie darum, zu bemerken, was du tust – ohne Bewertung oder Interpretation.

Bemerke deinen Tonfall, deine Körperhaltung und deine Wortwahl. Nimm auch wahr, wie dein Körper sich anfühlt in solchen Situationen.

Diese Selbstbeobachtung ist sehr wichtig und kraftvoll. Nicht länger wegzuschauen, sondern das Muster anzuerkennen und ins Bewusstsein zu bringen, ist die halbe Miete der Transformation.

Beobachte das Muster bei anderen Menschen

Automatisierte Reaktionen fallen uns bei anderen Menschen viel leichter auf als bei uns selbst.

Hast du in deinem Umfeld Rechthaber, Klugscheißer und Erbsenzähler?
Wunderbar!

Dann beobachte ihr Verhalten. Was genau tun sie? Und wie verändert das die Situation? Was macht es mit den Beziehungen, deren Teil sie sind?

Erforsche dieses Muster. Nimm dabei besonders die Emotionen ins Visier: Die des Rechthabers, aber auch die der beteiligten Personen.

Rechthaberei zerstört Beziehungen. Wenn dir dieser Effekt bei anderen auffällt und du spürst, wie sie sich dadurch selbst von der Liebe und der Verbundenheit mit anderen abschneiden, kannst du diese Erfahrungen auf dein eigenes Beziehungsleben übertragen.

Ziehe in Betracht, dass Menschen es gut mit dir meinen

Rechthaber tragen oftmals eine subtile Skepsis anderen Menschen gegenüber in sich. Sie haben schnell das Gefühl, ausgenutzt zu werden oder jemandem nicht trauen zu können.

Dieses Misstrauen hat natürlich Gründe. Allerdings liegen die meist ausschließlich in der Vergangenheit und nicht im Gegenüber, das aktuell die Rechthaberei abbekommt.

Gerade in engen Freundschaften oder intimen Beziehungen solltest du in Erwägung ziehen, dass der andere dich wirklich gern hat und dir nichts Böses will.

Was, wenn das Feedback, das du erhältst, gar kein Angriff ist, sondern lediglich der Versuch, dir dein eigenes Muster aufzuzeigen?

Gibt es eine Person in deinem Leben, der du so weit vertraust, dass du sie aktiv um Feedback bitten kannst?

Falls ja, frage sie, wie sie deine Rechthaberei erlebt, was es mit ihr macht und was sie sich anders wünschen würde.

Beschreibe auch, wie es dir damit geht und wie du dich fühlst.

Finde heraus, was dein Bedürfnis ist

Oben habe ich beschrieben, dass hinter der Gewohnheit der Rechthaberei oftmals ein Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit steht.

Bislang ist das jedoch lediglich eine theoretische Information für dich.

Was empfindest du wirklich?

Wie fühlt es sich an, einen Irrtum zuzugeben oder zu erkennen, dass du falsch gelegen hast?

Was löst die Vorstellung, das Rechthaben aufzugeben in dir aus?

Warum ist es dir so wichtig, die Bestätigung zu bekommen, dass du richtig liegst?

Diese Fragen können dir dabei helfen herauszufinden, welche Funktion das Rechthaben für dich persönlich erfüllt. Wenn du das weißt, kannst du nach Möglichkeiten suchen, dieses Bedürfnis auf andere Weise zu stillen und gut für dich zu sorgen.

 

Wenn du es mit einem Rechthaber zu tun hast

Hast du in deinem persönlichen Umfeld jemanden, dessen Rechthaberei dir auf die Nerven geht, dann hilft dir dieser Artikel hoffentlich, besser zu verstehen, warum diese Person sich so verhält.

Auf Rechthaberei mit Vorwürfen, Gereiztheit oder Liebesentzug zu reagieren ist zwar verständlich, aber völlig kontraproduktiv. Ein typischer Rechthaber braucht Verständnis, Liebe und Sanftmut.

Leichter gesagt als getan. Ich weiß.

Eines ist aber auch klar: Wenn die Rechthaberei eines anderen dich sehr stört, ist es an der Zeit, deine eigene Rechthaberei genauer unter die Lupe zu nehmen.

Denn meine persönliche Erfahrung ist die: Menschen ohne Hang zum Rechthaben fühlen sich durch diesen Tick kaum gestört. Im Gegenteil, sie necken den fleißigen Rechthaber und kontern schlagfertig.

Interessanterweise fühlen sich Menschen umso stärker von diesem Charakterzug genervt oder gestört, je mehr sie ihn selbst haben. Der Rechthaber ist also genervt von der Rechthaberei des anderen, will sich aber seinen eigenen Starrsinn nicht eingestehen.

Wenn die Rechthaberei in einer Beziehung zu Problemen führt, gibt es also in der Regel für beide Seiten etwas zu tun.

In diesem Fall tun alle Beteiligten gut daran, sich dieses Muster bei sich selbst anzuschauen und herauszufinden, welches Bedürfnis dahintersteckt.

Und last but not least:

Besonders reflektierte Menschen, die sich bereits ausgiebig mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt haben, tendieren manchmal dazu, dieses Verhalten bei sich selbst abzutrainieren.

Denn man hat auf Seminaren oder durch die Lektüre entsprechender Bücher gelernt, dass Rechthaben ein Selbstzweck des Egos ist und das möchte man sich als bewusster, reflektierter Mensch natürlich nicht nachsagen lassen.

Mit der rein mentalen Herangehensweise, sich entsprechende, rechthaberische Kommentare einfach zu verkneifen, tut man sich jedoch keinen Gefallen. Denn wenn das Muster nicht wirklich in der Tiefe aufgelöst wurde, entspricht dieses Vorgehen eher einem Verdrängen.

Das Bedürfnis, das hinter dem Rechthaben steckt, wird dadurch nämlich nicht gestillt, sondern ignoriert.

 Herzlichst, 

Carolin

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Carolin Otzelberger

Mentorin und Sparringspartnerin für Menschen, die Menschen führen: Coaches, Therapeuten, Trainer, Unternehmer und Führungskräfte.

Ausbildung und Supervision in Conscious Leadership und effektiver Selbstführung.


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